Warum Klagenfurt wichtig ist
von Rudy Gasson am 1. Juli 2007 um 16:03 | Schublade: Literaturbetrieb
Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2007 gehen zu Ende. Die „Siege“ Lutz Seilers und PeterLichts beim diesjährigen Bachmannpreis waren verdient, Thomas Stangls Text habe ich nicht verstanden, Jan Böttcher hat zu meiner Freude wenigstens den Ernst-Willner-Preis gewonnen, Jochen Schmidt ging zu meinem großen Bedauern leer aus, genau wie alle teilnehmenden Frauen. Die Jury war oft uneins und viele haben am Ende beharrlich für ihre eigenen Schützlinge gestimmt.
Genau das aber zeigt die Unbeherrschbarkeit und die Nichtquantifizierbarkeit von Literatur, und genau deshalb ist dieses oft nervende, aber für mich trotz seiner Breite immer unterhaltsame Ritual live im Fernsehen UND im Internet so einzigartig und so wichtig. Es führt jedes Jahr aufs Neue vor, dass Literatur, Kultur, Kunst sich nicht einfügen lässt in die linearen Systeme einfacher Wettbewerbe mit Messlatte und Stoppuhr – und das ist wirklich gut so. Wie immer ist man als Zuschauer am Ende des Abstimmungsmarathons versucht, nach anderen Regeln zu suchen, sich das Prozedere weniger kompliziert und effizienter zu wünschen, aber das wäre der Untergang dieses Rituals und damit einer Beurteilung, deren Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit sich nicht optimieren oder ökonomisieren lässt. Denn nur auf diese komplizierte und enervierende Weise wird jedes Jahr verdeutlicht, dass es Sphären gibt, die wir nicht dem Diktat der Ökonomie und der mathematischen Effizienz unterwerfen sollten, die sich dem nicht unterwerfen lassen. Immer wird fast die Hälfte aller Mitleidenden dieses Wettbewerbs in der endgültigen Preisentscheidung eine Fehlentscheidung sehen, aber das ist das Wesen dieses merkwürdigen Wettbewerbs, denn hier zählt nicht das Ergebnis, hier zählt das Ritual und die Teilnahme daran, hier zählt das, was das Publikum an Eindrücken mitnimmt – Streit, Uneinigkeit, Gespaltenheit ob der eigenen Sympathien und Vorlieben für den einen oder anderen Kandidaten, Stoff, Stil, Text. Dieser Wettbewerb ist für mich paradoxerweise eines der letzten öffentlichen Bollwerke gegen die Wettbewerbsmentalität, die Manie der Messzahlen, nach denen wir unser Leben immer mehr ausrichten. Dieses Ritual ist eine Beschwörung und Präsentation der Kraft von selbstbeherrschter Individualität.
Ich möchte es nicht missen.