Hexenjagd im Fernsehen
von Rudy Gasson am 14. März 2009 um 02:41 | Schublade: Reality 2.0
Die eilig zusammengeschnippelten Fernsehsendungen zum Reizthema Amokläufe erinnern mich mehr und mehr an Schauprozesse, bei denen die Täter schon vorher feststehen und nur noch mal ordentlich an den Pranger gestellt werden sollen: Internet, Computer, brutale Spiele und introvertierte Einzelgänger. Das ist Hexenjagd in Reinform. Hier werden die üblichen Verdächtigen vorgeführt und verurteilt, um dem Pöbel die Angst vor dem Unberechenbaren zu nehmen - aber natürlich untermalt mit billigster pseudodramatischer Synthesizermusik (Spiegel-TV).
Zwei Aspekte finde ich dabei besonders bedenklich:
- Es werden immer wieder nur das Internet und Computerspiele, also neue und daher vermeintlich gefährliche, weil noch nicht genug “kontrollierte” Kommunikations- und Unterhaltungsmedien nicht nur als Begleiterscheinung, sondern tendenziell als Ursache präsentiert. Das ist so kurzsichtig und trivial, dass es mich schockiert, wie zweifellos sehr gebildete Menschen solche von Vorurteilen und Klischees triefenden Zusammenhänge konstruieren können. Wie viel Prozent der anderen, unschuldigen Schüler einer von einem Amoklauf betroffenen Schule spielen zu Hause auch Computerspiele mit gewalttätigen Merkmalen? Wieviele Schüler tummeln sich noch im Internet auf zweifelhaften Webseiten? Wessen Eltern sind noch in Schützenvereinen? Hat das mal jemand erhoben oder zumindest über diese Fragen nachgedacht? Und was kann man aus den Ergebnissen schließen? Richtig: Gar nichts. Oder sind ab sofort alle Kinder von Mitgliedern in Schützenvereinen als potenzielle Täter verdächtig? Mit derselben Methode könnte ich sagen: Es ist generell gefährlich, mehr als 12 Schüler in einer Klasse zu unterrichten, denn alle Amokläufer waren vorher Schüler in Klassen, in denen mehr Schüler gleichzeitig unterrichtet wurden.
- Es wird so getan, als sei eine Prävention per “Mustererkennung” im Vorfeld möglich. Ich widerspreche dem nicht grundsätzlich, aber die Art, in der diese Teile eines möglichen Musters präsentiert werden, gleicht erschreckend einem Aufruf zur kollektiven Jagd auf Außenseiter und Sonderlinge - und damit genau dem, was die Amokläufer möglicherweise erst zu dem gemacht hat, was sie wurden. Wie können ausgebildete Psychologen sich derart fahrlässig und verantwortungslos in Massenmedien verhalten? Und dann wundern sich dieselben Experten, warum so wenige Lehrer an ihren “Präventionskursen” teilnehmen? Ich wundere mich darüber nicht.
Die betreffenden Journalisten und “Experten” werden ihren Schwachsinn vermutlich erst einsehen, wenn ein Amokläufer zufällig mal ein brettspielender VHS-Videofan aus einer Waldorfschule ist, seine Waffe aus Restbeständen der russischen Armee schwarz gekauft hat und bis zur Tat ein geselliger Mensch war. Aber ich zweifle mittlerweile an Ihrer Fähigkeit zur Einsicht.
Es ist wirklich bedenktlich, wie die Medien mit dem Fall umgehen, besonders angesichts der Tatsache, dass die verklärende Dramatisierung des Täters das Risiko von Nachahmungstätern drastisch erhöht. BildBlog hat das anlässlich der völlig indiskutablen Bild-Berichterstattung schön herausgearbeitet:
http://www.bildblog.de/6413/wie-bild-den-amoklauf-in-szene-setzt/
http://www.bildblog.de/6432/die-kranke-welt-der-bild-zeitung/